14. Oktober 2017

Facebook – Uns beeindruckt ihr nicht!

69. "Vielleicht beeindruckt ihr eure Investoren. Vielleicht beeindruckt ihr die Wall Street. Uns beeindruckt ihr nicht" (The Cluetrain-Manifest, 1999)

Facebook und das Cluetrain-Manifest: Uns beeindruckt ihr nicht!? © intersubjektiven.org


Seit 2007 bin ich Facebook-Nutzerin. Was für mich als spannendes, dialogisches Experiment mit Suchtpotential begann, hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Facebook wurde ein internationaler Konzern, ich eine kritische Nutzerin mit einer differenzierten Erwartungshaltung an
Anbieter*innen digitaler Dienste. Neben meiner Arbeit in der Film- und Medienproduktion unterstütze ich gemeinnützige Organisationen und Akteur*innen in Politik und Kultur in Bezug auf mediale Selbstermächtigung und wirkungsvolle, aber verantwortungsbewusste Kommunikationsstrategien – als Mentorin des Programmes Frauen macht Politik am Helene Weber Kolleg, im Kontext von Women Edit, der LiMA17 oder der SEELAND Medienkooperative.

Unternehmensethik auch im Social Web.

Ich liebe gelingende Kommunikation und dialogische Ansätze. Vor diesem Hintergrund hatte mich das Cluetrain-Manifest und seine Thesen zu einem gänzlich anderen Verhältnis von Unternehmen und Kunden nachhaltig inspiriert. Neulich bin ich wieder darüber gestolpert und musste darüber nachdenken, wie gerade Unternehmen im Social Web diesen Grundgedanken überhaupt nicht mehr entsprechen - zum Beispiel die Facebook Inc.
Obwohl ich der Ansicht bin, gerade das Social Web sollte vor allem gemeinnützig und kollektiv gestaltet werden, also durch seine Nutzer*innen, bin ich für unternehmerische Angebote und Dienstleistungen offen. Doch schließt
unternehmerisches Handeln im Social Web für mich, wie in allen anderen Bereichen, neben der Verantwortung für Inhalte, unbedingt die Einhaltung rechtlicher und sozialer Produktionsstandards ein. Transparenz, Datensicherheit und Kommunikationsstil haben für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Es versteht sich von selbst, dass ich als Nutzerin immer auf Augenhöhe wahrgenommen werden möchte. Angaben zu Geschäftsbedingungen, Produkt- und Preispolitik sollten sich übersichtlich und verständlich erschließen. Kundenservice und gute Kommunikation sind extrem wichtig.

Facebook – mangelhafte Standards

Bei Facebook mangelt es an vielem. Es fehlen immer noch verbindliche und nachvollziehbare Kriterien dafür, welche Inhalte aufgrund von Verstößen gegen ethische, demokratische Grundwerte und geltendes Recht unzulässig sind und wirkungsvolle Meldeverfahren, die auch umgesetzt werden.
Es fehlt eine klarere Darstellung der generellen
Wirkungsweise des Algorithmus und die Folgen von Anpassungen für den Newsfeeds von Privat- und Geschäftskunden. Die Kommunikation des Unternehmens im Hinblick auf Änderungen der Benutzer*innen-Oberfläche, Urheberrechte, Datenschutz und Privatsphäre-Einstellungen sowie der Kundenservice sowohl für Privatpersonen als auch Geschäftskund*innen sind mangelhaft auf.
Darüber hinaus laden die Plattform und ihre Geschäftsmodelle im großen Stil zu Datenmissbrauch, Manipulation und Desinformation ein. Die Folgen sind spätestens seit der Brexit-Kampagne und dem US-Wahlkampf 2016 nicht mehr zu ignorieren.


Facebook ist in der Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation zu einem Standard geworden, der meiner Ansicht nach immer noch nicht ausreichend evaluiert und bewertet wird.
Gerade im Rahmen der hiesigen politischen Kommunikation fällt mir der naive Umgang mit der Plattform immer wieder auf. Befördert das unreflektierte Bedienen der Facebook-Maschinerie doch den intransparenten Umgang und die Ausbeutung personenbezogener Daten und damit zweifelhaftes unternehmerisches Handeln.
Das gilt auch ganz unabhängig davon, ob sich Nutzer*innen überhaupt kritisch mit fragwürdigen Gewinnmaximierungsstrategien oder Eigentumsverhältnissen der Facebook Inc. auseinandersetzen wollen. Die qualitative Analyse und Bewertung der durch Facebook-Werbung erkauften Reichweiten und Fans, ist selbst für den versierteren, kleineren und mittelgroßen Geschäftskunden nur unzureichend möglich.

Facebook – Cluetrain-Manifest lesen

Facebook gibt vor, den Austausch zwischen Menschen, Kommunikation zwischen Organisationen, Institutionen, Unternehmen und Menschen befördern zu wollen.
Es handelt sich jedoch auch um einen Mega-Konzern, der mit unübersichtlichen Methoden, auf fragwürdige Art und Weise Gewinne erwirtschaftet. Obwohl das Unternehmen
nur durch seine Nutzer*innen und dem Handel mit unseren persönlichen Daten und Inhalten existiert, ist eine direkte Kommunikation der Nutzer*innen und Kund*innen mit dem Unternehmen nur über Umwege möglich.
Mögliche Beteiligungsmodelle der Nutzer*innen an den Gewinnen sind meines Wissens weder öffentlich gedacht noch wirkungsvoll eingefordert worden. Warum eigentlich nicht? Verbindliche Standards und regelmäßige Steuerzahlungen in angemessener Höhe, die in die kommunalen Infrastrukturen zurückfließen und damit den Menschen zu Gute kommen, die den Erfolg des Konzerns ausmachen, wären das Mindeste. Weitere Regulierung ist hier dringend notwendig.

An dieser Stelle möchte ich auch die Facebook Inc. dazu motivieren, das gute alte Cluetrain Manifest noch einmal gänzlich zu lesen. Ich wünsche mir den Geist dieses Internet-Manifestes der ersten Stunde wieder mehr um und in uns. Auch wenn das vielleicht total 90er ist.
 
83. "Wir wollen, dass ihr 50 Millionen von uns so ernst nehmt wie einen Journalisten vom "Wall Street Journal"
(The Cluetrain-Manifest, 1999)