19. April 2016

Kommunalpolitikerinnen ins Netz?

Rethinking Media by Tanja Vietzke // Mischtechnik ©Tanja Vietzke 2014

Seit Oktober 2015 stehe ich als Mentorin einer erfahrenen Kommunalpolitikerin im Reverse Mentoring am Helene Weber Kolleg zur Seite und berate sie im Hinblick auf ihre digitale Strategie. Unter dem Slogan "Frauen macht Politik" will das Kolleg den Anteil der Frauen insbesondere in der Kommunalpolitik erhöhen. Gefördert wird die Initiative durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Projektträgerin ist die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V. (EAF).
 

Das Reverse Mentoring bringt Medienexpertinnen und Kommunalpolitikerinnen mit und ohne Parteihintergrund parteiübergreifend zusammen. Ziel ist es, gemeinsam über Sichtbarkeit in den sozialen Medien nachzudenken, Fragen zur digitalen Selbstdarstellung, zu Plattformen und Tools des Social Webs zu beantworten und beim Entwickeln einer Social Media-Strategie zu unterstützen.

Sichtbarkeit im Netz erfordert Mut, Arbeit und Zeit. 


Allein die Begegnung mit den Frauen des Helene Weber Kollegs war und ist bereichernd und horizonterweiternd für mich. Darüber hinaus habe ich durch die Beratungssituation intensiv darüber nachgedacht, worauf es ankommt, wenn Kommunalpolitikerinnen über Selbstdarstellung im Netz nachdenken.
Es ist wichtig zu wisssen, dass kommunalpolitische Arbeit zum großen Teil ehrenamtlich für eine minimale Aufwandsentschädigung geleistet wird, also zusätzlich zur eigenen Berufstätigkeit, Familien- und Sorgearbeit. Die inhaltliche Vorbereitung der Ausschüsse und Versammlungen, Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern und Recherchen erfolgen in der Regel in der sowieso knapp bemessenen Freizeit, an den Wochenenden und in den späten Abendstunden.
Der Wunsch Verantwortung zu übernehmen, mitzugestalten, kommunalpolitische Entscheidungen zu beeinflussen, bindet erhebliche Kapazitäten und braucht wahren Enthusiasmus. Wann dann noch strategisch bloggen, twittern, posten oder snapchatten?


Mit den richtigen Fragen fängt es an.


Bereits mit der Entscheidung für eine kommunalpolitische Tätigkeit sind Fragen verbunden, die auch im Hinblick auf eine digitale Strategie relevant sind: Was möchte ich erreichen und was ist mir wichtig? Welche Fähigkeiten und Ressourcen bringe ich mit, was kann und will ich einbringen?
Halte ich es aus sichtbar zu sein, in den direkten Dialog zu gehen, zu polarisieren, angegriffen oder auch abgelehnt zu werden?

Debatten aus den Verordnetenversammlungen, Kreistagen oder Gemeinderäten auch im digitalen Raum fortzuführen und als Person im Netz sichtbar zu sein, heißt diese Fragen zu präzisieren: Was möchte ich durch die sozialen Medien erreichen? Welche Inhalte möchte ich kommunizieren, welche Themen diskutieren? Was weiß ich über meine Zielgruppe(n)? Über welche zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen verfüge ich? Wird sich das zukünftig verändern? Mit welchen sozialen Medien habe ich bereits Erfahrungen gesammelt, welche interessieren mich (nicht) und warum (nicht)?

Mit ehrlichen Antworten geht es weiter.


Zunächst einmal ist es wichtig, sich den Druck zu nehmen. Auch im Social Web ist es schlicht unmöglich und auch nicht sinnvoll überall präsent zu sein. Je klarer frau sich bewusst macht, welche Netzwerke und Plattformen zu ihr passen – zu ihren Werten und politischen Zielen, ihrer Persönlichkeit und zu ihrer Art zu kommunizieren, desto besser für alle Beteiligten.

Je kleiner das Buget, die zeitlichen Ressourcen und das individuelle Wissen um Tools, Plattformen und Zielgruppen, desto notwendiger sind Analyse, Konzept und Übung, aber auch klare Prioritäten.
Nicht selten unterstützt es sehr, sich eigene Ängste und Resentiments bewusst zu machen. Unsicherheiten können überwunden, Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden. Wesentlich sind die Bereitschaft dazuzulernen, ein echtes Interesse an Feedback, Dialog und Kooperation. Nichts muss und alles kann und weniger ist oft mehr – um es mit diesen nicht ganz unbekannten alten „Weisheiten“ zu sagen, die durchaus ihre Berechtigung haben.

Natürlich haben sich gerade in der politischen Kommunikation (vermeintliche) Standards herausgebildet. Und natürlich können Politikerinnen auf Landes- und Bundesebene ihre Kommunikation in den sozialen Netzwerken professionalisieren, weil sie über andere Infrastrukturen (Technik, Geld, Personal/Know-How) verfügen. 

Die Spielregeln gilt es zwar zu kennen, doch wichtiger als das Einhalten von vermeintlichen Standards ist die Fähigkeit, sich wahrhaftig und gehaltvoll vermitteln zu können. Natürlich zeichnet sich eine gute Social Media-Strategie durch eine überzeugende Content-Strategie aus. Einige ausgewählte Plattformen authentisch und begeistert zu nutzen ist jedoch wertvoller, als viele uninteressiert und nur halb motiviert zu bedienen. Das kann ebenso einschließen, dass z. B. Netzwerke wie Facebook aus politischen oder ethischen Gründen nur eingeschränkt benutzt werden oder auch gar nicht. Auf die eigene Haltung und Zielsetzung kommt es an.

Präsenz ist „kein Sprint, sondern ein Marathon“.*


Selbst die beste Strategie schützt nicht vor Ernüchterung, Überforderung oder Misserfolgen. Sichtbarkeit und Sichtbarmachung sind ein langer Prozess, indem es gute Inhalte, kontinuierliche Analyse und Impulse von außen braucht. Austausch ist wichtig, die Fähigkeit sich den eigenen Humor und die Neugier zu bewahren, ebenso wie das Bewusstsein für die eigenen Werte, Stärken und Grenzen. 
Es geht nicht darum, eine neue Persönlichkeit zu erfinden und ein Image zu faken. Die bereits existierende Person sollte gestärkt werden und sichtbar gemacht, was frau selbstbestimmt preisgeben möchte. Doch dazu gehören Mut, Kritikfähigkeit, Durchhaltevermögen und ein gutes Netzwerk. Es ist sinnvoll langfristig zu denken, sich Ziele zu formulieren und diese regelmäßig zu überprüfen. Strategien sind dazu da, um verändert oder verworfen zu werden. Eine über einen längeren Zeitraum angelegte Beratung kann dabei unterstützen.

Selbstbewusstsein ist auch im Social Web eine gute Voraussetzung für eine wertvolle, sinnstiftende Tätigkeit. Die Fähigkeit, sich durch Selbstwissen und inhaltliche Kompetenz verhalten zu können, Kritik und Debatte aushalten aber auch Distanz nehmen und „Nein“ sagen zu können sind relevant. Diese Eigenschaften sorgen für Sicherheit und Wohlbefinden in der Kommunikation mit anderen Menschen, Gleichgesinnten und vor allem Kritikerinnen und Kritikern. Gleichzeitig sind sie der beste Schutz gegen all die destruktiven Potentiale, die unsere Realität auch und gerade im Social Web so zu bieten hat.

*Diese Aussage stammt von der Kommunikationsberaterin Nicole Kempe eine Spezialistin in Sachen Mut, Personal Branding und digitale Strategien. Ein schönes Interview mit ihr gibt es auch auf Saint Iva.