15. Januar 2016

Kleine Ethik des Schaffens

Ich liebe bewegte Bilder und die Arbeit als Autorin und Regisseurin. Trotzdem habe ich mich entschieden, sie nicht um jeden Preis zu tun. Für mich gibt es eine Ethik des Schaffens. Diese betrifft finanzielle und formelle Bedingungen der Produktion, meine Haltung und Arbeitsweise in Bezug auf alle beteiligten Personen, aber auch Inhalte und Form des Werkes. Ziel meiner Arbeit war und ist es, eine mutige, kooperative und kritsche Film- und Medienproduktion zu stärken, angstfreie Produktions- und Arbeitsumfelder zu schaffen, in denen kollaborative Medien- und Wissensproduktion möglich und eine visionäre Ästhetik Resultat einer partizipativen Auseinandersetzung ist. Denn so stelle ich mir die Medienproduktion einer demokratischen Gesellschaft vor, in der ich leben möchte. 
© Frau tanzt. Cut out und Bleistift auf Papier. von Tanja Vietzke 2014
Natürlich ist es einfach, das eigene Vorhaben zu formulieren. Die echte Herausforderung liegt in der konkreten Umsetzung.
Filmförderung, Produktions- und Verwertungsstrukturen funktionieren nach etablierten und fragwürdigen Routinen gesellschaftlicher Eliten. Diese begünstigen
Rollenzuschreibungen in den Rundfunksystemen, welche die Unterrepräsentation von großen gesellschaftlichen Gruppen vor und hinter der Kamera zur Folge haben, fragwürdige Kategorien und Bewertungskriterien in der wirtschaftlichen und kulturellen Filmproduktion, die Abhängigkeit der Filmförderung von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und diskussionswürdige Verfahren der Regulierung.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin ein Fernsehkind und durch das Fernsehen sozialisiert worden. Ich bin für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und finde Filmförderung sinnvoll. Allerdings ist die Art und Weise kontinuierlich zu überdenken.
 

Ich lebe in dieser Realität, also reproduziere ich sie auch.
 

Der Bundestag, Pro Quote Regie, fairTV oder Theaterjobs, Haben und Brauchen oder die Koalition der Freien Szene in Berlin versuchen sich den Defiziten, Krisen und ihren Ausprägungen in unserer gegenwärtigen Kunst- und Kulturpraxis in verschiedenen Aspekten zu nähern. Dabei geht es um die Bedingungen fairer Beschäftigung, die Verteilung von Ressourcen auch unter den Gesichtspunkten der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Kunst- und Kulturproduktion.
Ein Workshop der alpha nova & galerie futura in Kooperation mit gNg versuchte zu ergründen, inwiefern (queer) feministische Kunst- und Kulturräume und Strukturen Aspekte aktueller Krisen aufweisen, reproduzieren und welche Möglichkeit sie bieten, emanzipatorische und diskriminierungsfreie Strategien und Handlungsmöglichkeiten künstlerischen und kulturellen Schaffens zu entwickeln. Die Rosa Luxemburg Stiftung und Dare the impossible stellte die Frage danach, wie sich Zukunft besser gestalten lasse, ohne jedoch die eigenen Ausschlussmechanismen kritisch zu hinterfragen.

Für mich ist die Wahrheit sehr schlicht. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der das Prinzip der Gewinnorientierung, des Wettbewerbs und der (selbstab)wertenden Arbeitsteilung sich tief in uns eingeschrieben hat.
Obwohl wir wissen, dass in dieser Ökonomie der Erfolg bestimmter immer auch das Scheitern anderer Gruppen – Menschen, Generationen, Ethnien, Kulturen, Geschlechter – einschließt, bleibt es hart dieser Wahrheit ins Auge zu sehen und die eigene Rolle in dieser Praxis der strukturellen Krise anzuerkennen. Gegenwärtige Gleichstellungspolitik wird der Intersektion von Diskriminierung noch nicht gerecht.

Lebe ich als Kulturschaffende in dieser Gesellschaft, so reproduziere ich auch die ihr immanenten Formen der Zugehörigkeit und des Ausschlusses. Ich lebe in dieser Realität, also reproduziere ich sie auch, selbst wenn ich zu den Kritischen, Dominierten oder Diskriminierten gehöre.
Als Künstler*in dieser Zeit bin ich oft dazu gezwungen, der kreative und unternehmerische Prototyp der erfolgreichen oder gescheiterten totalen oder teilweisen (Selbst)Vermarktung und (Selbst)Ausbeutung zu sein. Ich kann mich aber auch als Akteur*in einer alternativen Selbst- und Gesellschaftspraxis, die fragwürdige Machtsstrukturen, Rollen und Wahrheitsbegriffe zu erkennen, dekonstrukieren und umgestalten sucht, einbringen.

Im Präkariat der Selbstverwirklichung gehören wir alle heute noch zu den Gewinner*innen und morgen schon zu den Verlierer*innen. Oft werden in diesem Wettbewerb selbst die strukturell am meisten benachteiligten Personen noch zu Konkurrent*innen gemacht. Doch wie kann ich diesen Strukturen begegenen? Wie konstruktiv in ihnen agieren? Wie Mensch sein und trotzdem produktiv tätig? 

Wir kreiren auf dem selben Niveau, auf dem wir zerstören.

Meine filmische Praxis versucht sich mit den geltenden Begriffen der Wahrheit in Kunst und Alltag auseinanderzusetzen. Ich möchte überholte Kommandostrukturen und diskriminierende Rollenschemata aufdecken und Alternativen entwickeln. Deshalb ist es mir wichtig Perspektiven zu wechseln, Rollen zu tauschen, empfindlich zu bleiben – und dazu auch offen zu stehen. Ich möchte genau zuhören. Ich versuche hinzusehen. In Momenten der Ungeduld und Konfrontation bleibe ich und frage mich, was mein Gegenüber mir sagen möchte und warum ich ungeduldig bin. Ich frage nach und überlege, was genau ich erkennen kann, was nicht und woran das liegen könnte.

Ich reflektiere den Markt und mein eigenes Wirken in diesem Kontext allein und/oder gemeinsam mit Anderen. Ich mache mir meine finanzielle, persönliche und ideelle Verfassung bewusst und anderen in der Zusammenarbeit transparent. Ich mache mir klar, was Geld und Erfolg für mich bedeuten und konfrontiere mich mit den eigenen materiellen Ansichten und Bedürfnissen. In Gruppenprozessen ist das konkrete und ehrliche Sprechen über Geld und Erfolg und die daraus erwachsenen Selbststrategien unerlässlich. 

In meiner eigenen Praxis suche ich nach Formen für Einkommensgemeinschaften und Umverteilung. Ich erkenne unsichtbare Arbeit und (Für)Sorge-Arbeit an, leiste sie selbst, bewusst und spreche Anerkennung und Respekt offen aus. Ich fordere nichts von anderen Menschen ein, wenn ich sie für diese Arbeit nicht auch (finanziell) anerkennen oder durch entsprechendes Handeln wertschätzen kann/möchte.

Die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, die mangelnde Konfrontation mit der eigenen Erfolgssehnsucht oder einem anmaßenden Deutungsanspruch festigen nicht selten ein System der Krise, des Wettbewerbs und der Ausbeutung von Differenz, Identität und Arbeitskraft gerade auch in der Kunst- und Kulturproduktion.
Ich möchte für strukturelle Gewalt und Repression im Kulturbetrieb durch dominierendes oder diskriminierendes Verhalten über Ausdruck/Sprache, Gesten, Handeln und Prozesse sensibilisieren und es vermeiden. Wenn mir dieses Verhalten auffällt, spreche ich es an, schildere meine Wahrnehmung und bitte andere Beteiligte mir ihre Wahrnehmung mitzuteilen. Ich halte andere Positionen aus, positioniere mich aber bewusst und klar dazu. 


Ich hinterfrage Hegemonien der Macht und des Marktes genauso, wie meine individuellen Hoheitsansprüche. 

Ich bin  achtsam, verantwortlich und nicht wichtiger als andere Menschen. Ich schätze den kleinsten Versuch und die kleinste Geste von mir und anderen, respektvolle, inklusive und faire Arbeitsformen des Künstlerischen zu entwickeln. Das heißt auch, ich beute (mich und andere) nicht selbstvergessen aus, weil ich mir wünsche beachtet, entdeckt und geschätzt zu werden. Ich hinterfrage Hegemonien der Macht und des Marktes genauso wie meine individuellen Hoheitsansprüche. Räume, die selbstbestimmtes Schaffen ohne Angst vor gemeinschaftlichem Denken und partizipativem Handeln ermöglichen wollen, erforsche, schütze und unterstütze ich.

Kulturpraxis und gesellschaftliche Verantwortung sind für mich auch deshalb nicht zu trennen, weil künstlerisches Schaffen starke Fiktionen und Mythen um die Besonderheit der eigenen Rolle in der Gesellschaft produziert, welche, bleiben sie unreflektiert, das Prinzip der Überlegenheit, Abhängigkeit und Präkarisierung verklären und  stabilisieren.
Künstlerische Praxis bedeutet für mich in diesem Kontext die kontinuierliche Aufdeckung struktureller, offener oder sublimer Formen der Dominanz und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sozialer Herkunft und Status, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Identität und das Entwickeln von Bewusstsein und Gegenentwürfen in Beziehungen, Arbeit und Alltag. Der Schlüssel dazu liegt in der bewussten, sorgfältigen und kontinuierlichen Betrachtung meiner eigenen Prägungen, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster und ihrer Veränderung in der Interaktion mit anderen. 
 
Woher ich komme.
Mein Leben ist von Menschen geprägt worden, die Faschismus und Krieg nur zufällig oder schwer versehrt überlebt haben und danach hart um ein gutes Verhältnis zu ihren Mitmenschen, Partner*innen oder Kindern gekämpft haben. Diese Menschen engagier(t)en sich für eine friedliche, gerechte Gesellschaft. Sie glaub(t)en an die Notwendigkeit der bewussten Gemeinschaft mit all ihren (Un)möglichkeiten, um ein Leben, Arbeiten und Gestalten zum Wohle vieler realisieren zu können. Ich tue das auch. Meine Arbeit steht in dieser Tradition. Sie begleitet Menschen, ihre Überzeugungen und ihre Kämpfe, um ein würdevolles Leben im Spannungsfeld von Ethik, Ästhetik und Ökonomie.