15. Juni 2015

Wie das Netz die Erinnerungen von Zeitzeug*innen an Krieg, Nationalsozialismus und Holocaust bewahrt

Teil 3.  Hier finden Sie Teil 1 und Teil 2.

 Digitale Orte der Erinnerung. Welchen Anforderungen müssen sie genügen?

 

Immer weniger Augenzeug*innen des Ersten und Zweiten Weltkrieges, von Nationalsozialismus und Holocaust sind noch am Leben. Gedenkorte wie der Lagerkomplex Auschwitz oder Sobibor verfallen. Das Web hat sich im letzten Jahrzehnt als Ort für Oral und Visual History zu einer Art digitalem kollektiven Gedächtnis entwickelt. Hier engagieren sich Einzelpersonen, Vereine, Institutionen und Stiftungen für die nachhaltige Dokumentation von Geschichte, reflektiertes Geschichtsbewusstsein und aktive Erinnerungsarbeit. Einige sammeln Augenzeug*innenberichte und Lebensgeschichten in digitalen Archiven und machen sie offen zugänglich. Andere verstehen sich als Plattformen für Vernetzung, Information, Dialog oder Selbsthilfe. Darüber hinaus gibt es vielfältige Formen der multimedialen Publikation in Dokumentationen, Blogs, Wikis oder anderen Formaten

Aufbereitung und Archivierung können Quellen bewahren und Aufmerksamkeit für Themen erzeugen, müssen es aber nicht.  


Die Aufarbeitung unserer Geschichte verlangt kontinuierlich nach bewussten und zeitgemäßen Formen. Nur noch wenige Augen- und Zeitzeug*innen können unmittelbar über das Leben, die Verhältnisse und Verbrechen der beiden großen Weltkriege, Nationalsozialismus und Faschismus sprechen. Umso wichtiger wird das Bewahren ihres Vermächtnisses in unserem kollektiven Gedächtnis. Je umfassender und differenzierter die digitalen und analogen Architekturen kollektiver Erinnerungsräume, desto besser. Die Vielfalt in den Formen der Aufbereitung, der Auseinandersetzung, des Gespräches entspricht den unglaublich vielen betroffenen Menschen und ihren Geschichten. 

© Tanja Vietzke, 2014
Organisation, Aufbereitung und Archivierung können Quellen bewahren und Aufmerksamkeit für Themen erzeugen, müssen es aber nicht. Nur eine Nebenrolle spielt hier die Tatsache, dass die Fülle des Angebotes zur Orientierungslosigkeit führen kann. Zuerst besteht in digitalen Archiven wie auch in analogen die Gefahr, dass sich in ihrer Struktur, den Kategorien der Auswahl und Ordnung, Körper, Gesichter, Stimmen und Menschen verlieren. Dazu kommt, dass die sehr unterschiedlichen finanziellen und personellen Ressourcen der Initiativen, Vereine und Stiftungen nur eine diskontinuierliche Pflege der Bestände, Öffentlichkeitsarbeit und ein zurückhaltendes Agenda-Setting zulassen. Wie in jedem Gedächtnis geraten Ereignisse in Vergessenheit, Erinnerungen verblassen, arbeitet man nicht daran, sie in angemessenen Formen präsent zu halten, um aus ihnen zu lernen und böse Wiederholungen zu vermeiden. Darüber hinaus müssen für digitale und netzbasierte Erinnerungsräume vielfältige Faktoren wie sich verändernde Mediennutzung, die Weiterentwicklung von Web-Standards, Programmiersprachen, Benutzeroberflächen und Applikationen, die Anpassung an neue Endgeräte und auch die Wirkungsweisen der Suchmaschinen mitgedacht werden.

 

Auch digitale Gedenkorte müssen gepflegt werden, um benutzbar zu bleiben.


Auch die digitalen, netzbasierten Architekturen des Erinnerns machen wie die analogen Gedenkorte Instandhaltung notwendig. Das setzt Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die grundsätzliche Problematik voraus, dass die Erinnerungsarbeit vor einer enormen Herausforderung steht und der Aufwand, der betrieben werden muss, um die analogen wie digitalen Gedenkorte zu erhalten, groß bleibt. Gerade weil die Zeug*innen nur noch mittelbar sprechen können und die Notwendigkeit sich zu erinnern nicht mehr direkt einfordern, muss ihr Vermächtnis intensiver denn je gepflegt werden. Sonst verfallen auch die Gedenkorte im Netz wie Auschwitz oder Sobibor. Das braucht Engagement, Kompetenz, Zeit und Geld. Im Web schließt diese Arbeit kontinuierliches Monitoring und Evaluation der Angebote, den Erhalt technischer und gestalterischer Barrierefreiheit, Anpassung an sich verändernde Endgeräte und Mediennutzung aber auch Arbeiten wie Social Media Optimierung von Angeboten und die Optimierung für die Suchmaschinen ein.

Kommunikations- und Social Media Strategien müssen auch für große Portale wie das Gedächtnis der Nation überdacht werden, um über die Vielzahl der Kanäle (Facebook, Youtube, Google+ ), Öffentlichkeit wirksam zu erreichen. Die aktuellen Nutzerzahlen des Youtube-Channels zum Beispiel lassen den Schluss zu, dass hier keine nachhaltige, finanzierte Social Media Strategie existiert. Vielleicht liegt es daran, dass die offiziellen Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Ersten und des Zweiten Weltkrieges wie auch zur Kapitulation vorüber sind. Langfristige Strategien, welche an den vorhandenen Ressourcen orientiert, kontinuierlich und bewusst die Botschaft des Projektes vermitteln, sind gefragt. Evaluation und Reduktion müssen mitgedacht werden, Kooperation und Vernetzung, neue Vermittlungkonzepte und noch mehr Bildungsarbeit ebenso. Der Jahrhundertbus zum Beispiel wäre ein fantastischer wandernder Ausstellungsort, um die Bekanntheit des Archivs auch offline an vielen Orten zu steigern und das Angebot einem größeren Publikum zu präsentieren.
 

Je mehr Angebote es gibt, desto größer ist der Aufwand sie zu pflegen und zugänglich zu halten. Soviel ist klar. Aktives gemeinsames Erinnern – in analoger wie digitaler, in individueller wie kollektiver Form – braucht Engagement, Kompetenz, Partizipation und Dialog. Denn die kontinuierliche, öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und all ihren Opfern ist Bedingung für die Bewahrung von Frieden, Demokratie und Menschenrechten.

Kommentare:

  1. Danke für deinen Artikel. Toll, dass du das Thema "Zeitzeugen und Archive im Netz" mal angehst. Besonders der 3.Teil gefällt mir gut, denn du hast ja Recht damit, dass man noch viel mehr aus dem Thema machen kann und sollte.

    Ganz besonders fällt mir gerade beim Lesen aber etwas ganz anderes auf und bitte korrigiere mich, wenn ich komplett falsch liege: Ich erinnere mich an ganz frühe Zeiten, so mit 18 als ich noch Mitglied der "Antifa" war. Da ging es nicht nur um um den gegenwärtigen Antifaschismus in unserem Alltag, sondern auch um die Überlebenden Zeitzeugen des Nationalsozialismus. Ich fühle mich durch deinen Artikel ein bisschen in die alte Zeit zurückversetzt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die Zeiten sind heute vorbei. Jetzt sehe ich aber, die "Antifa-Gedanken" und Werte sind irgendwie immer noch da, aber gereift in den letzten 20 Jahren. Ein so schöner Gedanke.

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    1. Liebe Daniela,
      ich muss heute gerade wieder an deinen Kommentar denken. Die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit in der Gegenwart ist wichtiger als jemals zuvor geworden, gerade weil die Menschen gehen, die in ihr gelebt haben. Ich bin dankbar dafür, dass wir gemeinsam die Gelegenheit hatten uns intensiv auseinanderzusetzen und zu unsere Erinnerungen aktiv leben zu können.
      Alles Liebe für dich.

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