14. Oktober 2017

Facebook – Uns beeindruckt ihr nicht!

69. "Vielleicht beeindruckt ihr eure Investoren. Vielleicht beeindruckt ihr die Wall Street. Uns beeindruckt ihr nicht" (The Cluetrain-Manifest, 1999)

Facebook und das Cluetrain-Manifest: Uns beeindruckt ihr nicht!? © intersubjektiven.org


Seit 2007 bin ich Facebook-Nutzerin. Was für mich als spannendes, dialogisches Experiment mit Suchtpotential begann, hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Facebook wurde ein internationaler Konzern, ich eine kritische Nutzerin mit einer differenzierten Erwartungshaltung an
Anbieter*innen digitaler Dienste. Neben meiner Arbeit in der Film- und Medienproduktion unterstütze ich gemeinnützige Organisationen und Akteur*innen in Politik und Kultur in Bezug auf mediale Selbstermächtigung und wirkungsvolle, aber verantwortungsbewusste Kommunikationsstrategien – als Mentorin des Programmes Frauen macht Politik am Helene Weber Kolleg, im Kontext von Women Edit, der LiMA17 oder der SEELAND Medienkooperative.

Unternehmensethik auch im Social Web.

Ich liebe gelingende Kommunikation und dialogische Ansätze. Vor diesem Hintergrund hatte mich das Cluetrain-Manifest und seine Thesen zu einem gänzlich anderen Verhältnis von Unternehmen und Kunden nachhaltig inspiriert. Neulich bin ich wieder darüber gestolpert und musste darüber nachdenken, wie gerade Unternehmen im Social Web diesen Grundgedanken überhaupt nicht mehr entsprechen - zum Beispiel die Facebook Inc.
Obwohl ich der Ansicht bin, gerade das Social Web sollte vor allem gemeinnützig und kollektiv gestaltet werden, also durch seine Nutzer*innen, bin ich für unternehmerische Angebote und Dienstleistungen offen. Doch schließt
unternehmerisches Handeln im Social Web für mich, wie in allen anderen Bereichen, neben der Verantwortung für Inhalte, unbedingt die Einhaltung rechtlicher und sozialer Produktionsstandards ein. Transparenz, Datensicherheit und Kommunikationsstil haben für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Es versteht sich von selbst, dass ich als Nutzerin immer auf Augenhöhe wahrgenommen werden möchte. Angaben zu Geschäftsbedingungen, Produkt- und Preispolitik sollten sich übersichtlich und verständlich erschließen. Kundenservice und gute Kommunikation sind extrem wichtig.

Facebook – mangelhafte Standards

Bei Facebook mangelt es an vielem. Es fehlen immer noch verbindliche und nachvollziehbare Kriterien dafür, welche Inhalte aufgrund von Verstößen gegen ethische, demokratische Grundwerte und geltendes Recht unzulässig sind und wirkungsvolle Meldeverfahren, die auch umgesetzt werden.
Es fehlt eine klarere Darstellung der generellen
Wirkungsweise des Algorithmus und die Folgen von Anpassungen für den Newsfeeds von Privat- und Geschäftskunden. Die Kommunikation des Unternehmens im Hinblick auf Änderungen der Benutzer*innen-Oberfläche, Urheberrechte, Datenschutz und Privatsphäre-Einstellungen sowie der Kundenservice sowohl für Privatpersonen als auch Geschäftskund*innen sind mangelhaft.
Darüber hinaus laden die Plattform und ihre Geschäftsmodelle im großen Stil zu Datenmissbrauch, Manipulation und Desinformation ein. Die Folgen sind spätestens seit der Brexit-Kampagne und dem US-Wahlkampf 2016 nicht mehr zu ignorieren.


Facebook ist in der Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation zu einem Standard geworden, der meiner Ansicht nach immer noch nicht ausreichend evaluiert und bewertet wird.
Gerade im Rahmen der hiesigen politischen Kommunikation fällt mir der naive Umgang mit der Plattform immer wieder auf. Denn das unreflektierte Bedienen der Facebook-Maschinerie befördert den intransparenten Umgang und die Ausbeutung personenbezogener Daten und damit zweifelhaftes unternehmerisches Handeln.
Das gilt auch ganz unabhängig davon, ob sich Nutzer*innen überhaupt kritisch mit fragwürdigen Gewinnmaximierungsstrategien oder Eigentumsverhältnissen der Facebook Inc. auseinandersetzen wollen. Die qualitative Analyse und Bewertung der durch Facebook-Werbung erkauften Reichweiten und Fans, ist selbst für den versierteren, kleineren und mittelgroßen Geschäftskunden nur unzureichend möglich.

Facebook – Cluetrain-Manifest lesen

Facebook gibt vor, den Austausch zwischen Menschen, Kommunikation zwischen Organisationen, Institutionen, Unternehmen und Menschen befördern zu wollen.
Es handelt sich jedoch auch um einen Mega-Konzern, der mit unübersichtlichen Methoden, auf fragwürdige Art und Weise Gewinne erwirtschaftet. Obwohl das Unternehmen
nur durch seine Nutzer*innen und dem Handel mit unseren persönlichen Daten und Inhalten existiert, ist eine direkte Kommunikation der Nutzer*innen und Kund*innen mit dem Unternehmen nur über Umwege möglich.
Mögliche Beteiligungsmodelle der Nutzer*innen an den Gewinnen sind meines Wissens weder öffentlich gedacht noch wirkungsvoll eingefordert worden. Warum eigentlich nicht? Verbindliche Standards und regelmäßige Steuerzahlungen in angemessener Höhe, die in die kommunalen Infrastrukturen zurückfließen und damit den Menschen zu Gute kommen, die den Erfolg des Konzerns ausmachen, wären das Mindeste. Weitere Regulierung ist hier dringend notwendig.

An dieser Stelle möchte ich auch die Facebook Inc. dazu motivieren, das gute alte Cluetrain Manifest noch einmal gänzlich zu lesen. Ich wünsche mir den Geist dieses Internet-Manifestes der ersten Stunde wieder mehr um und in uns. Auch wenn das vielleicht total 90er ist.
 
83. "Wir wollen, dass ihr 50 Millionen von uns so ernst nehmt wie einen Journalisten vom "Wall Street Journal"
(The Cluetrain-Manifest, 1999)

3. März 2017

Wikipedia für alle!? - Einführung in die Wikipedia für Anfänger*innen

Einführung in das Verfassen und Optimieren von Wikipedia-Beiträgen für Autor*innen und Interessierte mit geringen und ohne Vorkenntnisse. Ein Workshop im Rahmen der #LiMA17, am 4. April 2017 von 14 bis 17 Uhr.

Die Polarisierung von Meinungen und Haltungen wird nicht selten durch einen Geschichtsrevisionismus begleitet und befeuert. Eine differenzierte, faktenbasierte Geschichtsschreibung und Weltwahrnehmung ist wichtiger denn je.

Die Wikipedia möchte die Chance bieten, sich an einer kollektiven Produktion von Wissen zu beteiligen und eine differenzierte, faktenbasierte Wahrnehmung von Vergangenheit und Gegenwart ermöglichen. Gleichzeitig werfen die Zusammensetzung der Community und die gezielte finanzielle und personelle Einflussnahme fragwürdiger Interessengruppen berechtigte Kritik an der Online-Enzyklopädie auf. Zuletzt sorgten die bei Meedia und in der Frankfurter Rundschau erschienenen Beiträge des Journalisten Marvin Oppong zur Rolle der AfD in der Wikipedia für Diskussionen auch innerhalb der Community. Ob kritisiert oder nicht – die Wikipedia erfreut sich großer Popularität und reger Nutzung. Sie braucht deshalb Autor*innen, die sich reflektiert und fundiert für relevante Ideen, Konzepte und Ereignisse der Weltgeschichte einsetzen und diese in der Wahrnehmung halten.

Ziel des Workshops ist es, an der Wikipedia interessierte Menschen, Autorinnen und Autoren aller Fachbereiche und Generationen ohne oder mit wenig Erfahrung an die Wikipedia heranzuführen und zu vernetzen. Er vermittelt grundlegende Kenntnisse zur Arbeitsoberfläche, Arbeitsweise, Beitragsformen, Relevanzkriterien und ermöglicht Austausch zu spezifischen Fragen rund um das Verfassen von eigenen Beiträgen und die Arbeit in der Community.

Für den Workshop ist ein eigenes Laptop notwendig. Es kann an einem eigenen Wikipedia-Eintrag gearbeitet werden. Im Vorfeld sollte bereits ein Benutzerkonto angelegt sein. Bei Fragen dazu helfe ich gern weiter. Schreibt mir einfach an info(at)intersubjektiven.org.

>>Zur Anmeldung und zum Programm der #LiMA17

19. September 2016

We can edit! – Wikipedia für Frauen* in Kunst und Kultur

Welcome to Futuristan hieß die Ausstellung anlässlich des 30Jährigen Jubiläums der galerie futura in Berlin, einem Ort für feministische Perspektiven in der Kunst und kritisches Kulturschaffen. Von Juni bis August nutzte ich das Erlebbare Archiv der Kulturwerkstatt und Galerie für Wikipedia-Workshops mit und für Frauen* aus Kunst und Kultur. Die Künstlerin Sandra Becker hat mich dabei unterstützt. Sie engagiert sich unter anderem bei Women edit, WikiWomen unterwegs und Wikipedia. FilmFrauen – Initiativen innerhalb der Wikipedia-Community und des Wikimedia e.V.





Wikipedia und ich.


Bis 2012 gehörte ich zu den Kritikerinnen der Wikipedia. Zu jenen, die sich über unvollkommene und fehlende Beiträge beschwerten, aber niemals selbst aktiv geworden wären. Als freie Film- und Kulturschaffende war ich ausschließlich damit beschäftigt eigene Projektgelder, neue Aufträge und Kontakte zu organisieren. Unterwegs von Berlin nach Stuttgart, Buenos Aires, Oslo oder Toronto fehlte mir die Zeit, in erster Linie jedoch der Glaube an die Bedeutsamkeit der Enzyklopädie. Kooperation spielte zwar eine wichtige Rolle in meiner Arbeit, das gesellschaftliche Umfeld, die Sichtbarkeit und Wahrnehmung kunst- und kulturschaffender Frauen allerdings hatte nicht Priorität.

Die Geburt meines Kindes stellte eine Zäsur dar. Mein bewegtes, ungebundenes, schnelles Leben wandelte sich in ein lokales, familiäres, langsames. Freischaffendes Arbeiten auf internationalem Niveau konnte ich nicht mehr – kräftemäßig, finanziell. Eine Lebensphase, die mich mit meinen Grenzen konfrontierte aber vor allem mit den strukturellen Ungleichgewichtigen in der Kulturszene und unserer Gesellschaft: „Kümmere dich doch erst einmal um dein Kind.“ „Als Mutter mit Kleinkind auch freiberuflich in der Kulturbranche tätig sein, dass geht nur, wenn du einen wohlhabenden Partner und sehr viel Glück hast.“ „In Berlin als filmschaffende Mutter überleben – da mach dir doch nichts vor.“
Also machte ich mich auf die Suche – nach neuen Netzwerken und Formen des Austauschs, nach Möglichkeiten der Kooperation und der Selbstermächtigung gemeinsam mit Menschen in ähnlicher Situation und Verfassung. Da meine neuen Lebensumstände mir zunächst nur kurze Arbeits- und Konzentrationsphasen ermöglichten, wurde die textbasierte Arbeit wieder wichtiger als die mit dem bewegten Bild. Ich beschäftigte mich mit meinem Archiv, angesammeltem Wissen und der allgemeinen Situation von kunst- und kulturschaffenden Frauen in Deutschland. Als Leserin nutzte ich die Wikipedia mehr als jemals zuvor – besonders in den Stillpausen. Nur etwa 8% aller Beiträge werden in der deutschsprachigen Wikipedia von Frauen verfasst. Der Frauenanteil in den USA wird immerhin auf 14% geschätzt, so eine Untersuchung der Wikimedia Foundation von 2012. Saskia Jasmin Ehlers ist den Imbalences in einem Vortrag auf der Wikimania 2016 umfassend auf den Grund gegangen.

Gesellschaftliche Ungleichgewichte spiegeln sich auch in der Wikipedia-Community wider.  

Frauen editieren weniger. Das hat Zeitgründe – weil sie schlicht neben der Berufstätigkeit immer noch weit mehr mit Familien- und Sorgearbeit befasst sind. Oft schreckt sie das Einarbeiten in die Logik der Plattform und die Benutzeroberfläche ab. Und tatsächlich werden die ersten Edits von sich als weiblich ausgebenden Wikipedians häufiger gelöscht. Auch Umgangston und die Auseinandersetzung in der Community, misogyne Tendenzen sowie fehlende soziale, persönliche Interaktion lassen Frauen nur zögerlich zu Wikipedians werden. In der Wikipedia-Community spiegeln sich gesellschaftliche Ungleichgewichte wider. Das hat natürlich auch inhaltliche Effekte für die Enzyklopädie.

Auf der Suche nach Austausch und kooperativen Formen des Arbeitens und kultureller Wissensproduktion las ich von einem Art+Feminism Edit-a-thon in der AGO Art Gallery of Ontario und schließlich verschlug es mich auf ein Treffen von Women edit – einem regelmäßigen, offenen Netzwerkabend von Wikipedia-Autor:innen für Anfänger:innen, Autor:innen und Interessierte. Anders als in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen hatte die Wikimedia Foundation die Herausforderung angenommen und unterstützt die in der Community wirkenden Frauen*.  So motiviert die internationale Initiative Art+Feminism kleine und große internationale Galerien dazu Autor:innen und interessierte Frauen* einzuladen, um in die Wikipedia zu schreiben. Anfänger:innen lernen von erfahrenen Wikipedianer:innen. Erfahrene Autor:innen tauschen sich aus und arbeiten gemeinsam an Beiträgen über Frauen* aus Kunst, Architektur und Design. Initiativen wie Women edit, WikiWomen unterwegs und Wikipedia. FilmFrauen knüpfen in Deutschland an die Erfahrungen an und schaffen weitere Angebote für Frauen* und Interessierte. 


Wikipedia – Do it yourself but do it together.

 

Women edit brach für mich das Eis. Ich traf motivierende Persönlichkeiten, konnte sofort anfangen. Nach einer Veranstaltung für Frauen in Film, Funk und Fernsehen zur Berlinale 2016 stand ich dann in Flammen. Ganz schnell habe ich ein eigenes kleines Netzwerk geschaffen, um gemeinsam zu lernen und mich mit anderen kritisch in die Debatte um Frauen und Diversität in der Community einzumischen. Ich fand mit der galerie futura die ideale Partnerin für den ersten selbstorganisierten Edit-a-thon. Ziel war es Künstler:innen, Autor:innen und Lai:innen aus dem Umfeld der Galerie an die Arbeit für die Wikipedia heranzuführen, um so einen eigenen Beitrag zu leisten den Anteil von Autor:innen in der Community sowie die Sichtbarkeit relevanter Künstler:innen, Institutionen, Theoretiker:innen und feministischer Perspektiven in der Kunst zu stärken. Unser Arbeitsort wurde das 30-jährige Archiv der alpha nova & galerie futura, dass vom 18. Mai bis zum 27. August 2016 als offener Arbeits- und Veranstaltungsort von jedermensch benutzbar und begehbar war. Das Erlebbare Archiv, die Jubiläumsausstellung Welcome to Futuristan und das Umfeld der Galerie sollen inspirieren für Wikipedia relevante Arbeiten, Orte, Biografien feministischer Künstler:innen, Autor:innen, Kurator:innen oder Theoretiker:innen zu identifizieren, Materialien für Wikipedia-Artikel zu sammeln, Artikel zu verfassen und zu überarbeiten.


Allen Skeptiker:innen und Anfänger:innen würde ich heute sagen: Seid anspruchsvoll, aber fangt an. Engagiert euch für die Sichtbarkeit relevanter Themen und Inhalte in all ihrer Vielfalt. Probiert es aus. Legt euch einen Account zu. Benutzt nicht euren Klarnamen, aber einen Namen, der für euch steht. Ihr müsst euch nicht als weiblich oder männlich identifizieren, wenn ihr das nicht wollt.
Ihr könnt allein beginnen – es erleichtert aber Vieles, den Start gemeinsam in einer Gruppe zu machen. Auf den Netzwerk-Seiten finden sich zahlreiche Termine und Gruppen. Es gibt unzählige Stammtische und Community-Treffen.
Oft ist es einfacher sich die wesentlichen Arbeitsschritte und Tools erklären zu lassen, Grundlagen des Umgangs und der Kommunikation zu erfahren und die ersten Arbeitsschritte an einem geplanten Beitrag miteinander zu besprechen.
Auf der Seite unserer Wikipedia-Veranstaltung ist ein gutes Starter-Kit zusammengestellt. Seid offen, fröhlich und lasst euch auf die Bedingungen des kollaborativen Schreibens ein. Im besten Fall verbucht ihr eure erste Löschdiskussion als interessante Erfahrung und geht gestärkt aus ihr hervor.
Nehmt eure Ängste und Unzufriedenheiten wahr. Doch fresst sie nicht in euch hinein, sondern vernetzt euch aktiv mit Gleichgesinnten und versucht Probleme konstruktiv und an den geeigneten Stellen zu artikulieren. Aufgrund der Tatsache, dass die Wikipedia offen für alle ist, sind Konflikte oder Fälle von Missbrauch nicht ausgeschlossen. Allerdings sorgen gute Netzwerke, klare Absprachen und Übereinkünfte wie auch eine gute gemeinsame Motivation dafür, dass man diese bewältigen und minimieren kann. Gemeinsam lässt sich einiges bewegen. Wenn ihr Fragen habt, dann schreibt mir gern.


19. April 2016

Kommunalpolitikerinnen ins Netz?

Rethinking Media by Tanja Vietzke // Mischtechnik ©Tanja Vietzke 2014

Seit Oktober 2015 stehe ich als Mentorin einer erfahrenen Kommunalpolitikerin im Reverse Mentoring am Helene Weber Kolleg zur Seite und berate sie im Hinblick auf ihre digitale Strategie. Unter dem Slogan "Frauen macht Politik" will das Kolleg den Anteil der Frauen insbesondere in der Kommunalpolitik erhöhen. Gefördert wird die Initiative durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Projektträgerin ist die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V. (EAF).
 

Das Reverse Mentoring bringt Medienexpertinnen und Kommunalpolitikerinnen mit und ohne Parteihintergrund parteiübergreifend zusammen. Ziel ist es, gemeinsam über Sichtbarkeit in den sozialen Medien nachzudenken, Fragen zur digitalen Selbstdarstellung, zu Plattformen und Tools des Social Webs zu beantworten und beim Entwickeln einer Social Media-Strategie zu unterstützen.

Sichtbarkeit im Netz erfordert Mut, Arbeit und Zeit. 


Allein die Begegnung mit den Frauen des Helene Weber Kollegs war und ist bereichernd und horizonterweiternd für mich. Darüber hinaus habe ich durch die Beratungssituation intensiv darüber nachgedacht, worauf es ankommt, wenn Kommunalpolitikerinnen über Selbstdarstellung im Netz nachdenken.
Es ist wichtig zu wisssen, dass kommunalpolitische Arbeit zum großen Teil ehrenamtlich für eine minimale Aufwandsentschädigung geleistet wird, also zusätzlich zur eigenen Berufstätigkeit, Familien- und Sorgearbeit. Die inhaltliche Vorbereitung der Ausschüsse und Versammlungen, Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern und Recherchen erfolgen in der Regel in der sowieso knapp bemessenen Freizeit, an den Wochenenden und in den späten Abendstunden.
Der Wunsch Verantwortung zu übernehmen, mitzugestalten, kommunalpolitische Entscheidungen zu beeinflussen, bindet erhebliche Kapazitäten und braucht wahren Enthusiasmus. Wann dann noch strategisch bloggen, twittern, posten oder snapchatten?


Mit den richtigen Fragen fängt es an.


Bereits mit der Entscheidung für eine kommunalpolitische Tätigkeit sind Fragen verbunden, die auch im Hinblick auf eine digitale Strategie relevant sind: Was möchte ich erreichen und was ist mir wichtig? Welche Fähigkeiten und Ressourcen bringe ich mit, was kann und will ich einbringen?
Halte ich es aus sichtbar zu sein, in den direkten Dialog zu gehen, zu polarisieren, angegriffen oder auch abgelehnt zu werden?

Debatten aus den Verordnetenversammlungen, Kreistagen oder Gemeinderäten auch im digitalen Raum fortzuführen und als Person im Netz sichtbar zu sein, heißt diese Fragen zu präzisieren: Was möchte ich durch die sozialen Medien erreichen? Welche Inhalte möchte ich kommunizieren, welche Themen diskutieren? Was weiß ich über meine Zielgruppe(n)? Über welche zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen verfüge ich? Wird sich das zukünftig verändern? Mit welchen sozialen Medien habe ich bereits Erfahrungen gesammelt, welche interessieren mich (nicht) und warum (nicht)?

Mit ehrlichen Antworten geht es weiter.


Zunächst einmal ist es wichtig, sich den Druck zu nehmen. Auch im Social Web ist es schlicht unmöglich und auch nicht sinnvoll überall präsent zu sein. Je klarer frau sich bewusst macht, welche Netzwerke und Plattformen zu ihr passen – zu ihren Werten und politischen Zielen, ihrer Persönlichkeit und zu ihrer Art zu kommunizieren, desto besser für alle Beteiligten.

Je kleiner das Buget, die zeitlichen Ressourcen und das individuelle Wissen um Tools, Plattformen und Zielgruppen, desto notwendiger sind Analyse, Konzept und Übung, aber auch klare Prioritäten.
Nicht selten unterstützt es sehr, sich eigene Ängste und Resentiments bewusst zu machen. Unsicherheiten können überwunden, Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden. Wesentlich sind die Bereitschaft dazuzulernen, ein echtes Interesse an Feedback, Dialog und Kooperation. Nichts muss und alles kann und weniger ist oft mehr – um es mit diesen nicht ganz unbekannten alten „Weisheiten“ zu sagen, die durchaus ihre Berechtigung haben.

Natürlich haben sich gerade in der politischen Kommunikation (vermeintliche) Standards herausgebildet. Und natürlich können Politikerinnen auf Landes- und Bundesebene ihre Kommunikation in den sozialen Netzwerken professionalisieren, weil sie über andere Infrastrukturen (Technik, Geld, Personal/Know-How) verfügen. 

Die Spielregeln gilt es zwar zu kennen, doch wichtiger als das Einhalten von vermeintlichen Standards ist die Fähigkeit, sich wahrhaftig und gehaltvoll vermitteln zu können. Natürlich zeichnet sich eine gute Social Media-Strategie durch eine überzeugende Content-Strategie aus. Einige ausgewählte Plattformen authentisch und begeistert zu nutzen ist jedoch wertvoller, als viele uninteressiert und nur halb motiviert zu bedienen. Das kann ebenso einschließen, dass z. B. Netzwerke wie Facebook aus politischen oder ethischen Gründen nur eingeschränkt benutzt werden oder auch gar nicht. Auf die eigene Haltung und Zielsetzung kommt es an.

Präsenz ist „kein Sprint, sondern ein Marathon“.*


Selbst die beste Strategie schützt nicht vor Ernüchterung, Überforderung oder Misserfolgen. Sichtbarkeit und Sichtbarmachung sind ein langer Prozess, indem es gute Inhalte, kontinuierliche Analyse und Impulse von außen braucht. Austausch ist wichtig, die Fähigkeit sich den eigenen Humor und die Neugier zu bewahren, ebenso wie das Bewusstsein für die eigenen Werte, Stärken und Grenzen. 
Es geht nicht darum, eine neue Persönlichkeit zu erfinden und ein Image zu faken. Die bereits existierende Person sollte gestärkt werden und sichtbar gemacht, was frau selbstbestimmt preisgeben möchte. Doch dazu gehören Mut, Kritikfähigkeit, Durchhaltevermögen und ein gutes Netzwerk. Es ist sinnvoll langfristig zu denken, sich Ziele zu formulieren und diese regelmäßig zu überprüfen. Strategien sind dazu da, um verändert oder verworfen zu werden. Eine über einen längeren Zeitraum angelegte Beratung kann dabei unterstützen.

Selbstbewusstsein ist auch im Social Web eine gute Voraussetzung für eine wertvolle, sinnstiftende Tätigkeit. Die Fähigkeit, sich durch Selbstwissen und inhaltliche Kompetenz verhalten zu können, Kritik und Debatte aushalten aber auch Distanz nehmen und „Nein“ sagen zu können sind relevant. Diese Eigenschaften sorgen für Sicherheit und Wohlbefinden in der Kommunikation mit anderen Menschen, Gleichgesinnten und vor allem Kritikerinnen und Kritikern. Gleichzeitig sind sie der beste Schutz gegen all die destruktiven Potentiale, die unsere Realität auch und gerade im Social Web so zu bieten hat.

*Diese Aussage stammt von der Kommunikationsberaterin Nicole Kempe eine Spezialistin in Sachen Mut, Personal Branding und digitale Strategien. Ein schönes Interview mit ihr gibt es auch auf Saint Iva.

25. Februar 2016

In den Ruinen einer alten Angst.

© VOLUMEN Express and friends 2009
Alle Fassaden fielen, innen und außen.
Dann ächzten die Systeme.
Das war lange, nachdem der Zusammenhang ihrer Entstehung in Vergessenheit geraten war, der kritische Zweifel erfolgreich in die Struktur integriert. Alles Bedeutende schien schon getan, alles Wichtige bereits gesagt. Das Bedürfnis nach Sicherheit hatte nicht nur unsere Hierarchien gefestigt. Auch unsere Abhängigkeiten wurden unmerklich durch den selbst verursachten und gesteuerten Krisenzustand stabilisiert, akzeptiert durch Widersacher wie Befürworter in rhythmischer gemeinsamer Wiederholung. Die rituellen Bahnen von Politik, Wirtschaft und Medien befreiten uns alltäglich von der Last des gegensetzlichen Seins . Sie führten uns nach einer von uns gemachten Vorschrift. Einige nach oben, andere in den Untergang. Erst die konstruierte Dualität von Verstand und Gefühl, Scheitern und Erfolg brachte die notwendige regulierende Spannung. 
Ausnahmezustände gestatteten das Plündern. Ausnahmezustände schärften die Instinkte. Ausnahmezustände erzeugten Gefühle in einer Welt der persönlichen Abwesenheit. So wurde die langwierige und mühsame Sinnsuche um die eigene Existenz in ein kurzweiliges evolutionäres Drama umgeschrieben. Der ewige Angriff bedürfte permanenter Verteidigung. Die Katastrophe wurde zum Lebensumstand und schien umso selbstverständlicher, je länger sie andauerte. Die Sinne sind träge. Der Verstand ist es auch. Und mit massiver Inbrunst verhindert die Wahrnehmung schließlich durch Spaltung und Verdrängung jedes Bewusstsein, um den Schmerz der Veränderung zu vermeiden. Doch einige konnten die Verwahrlosung spüren. Diese wenigen sprachen ununterbrochen darüber. Ihre Worte waren nicht laut, aber aufdringlich.

Es gelang uns, diese Unruhigen für schwach zu erklären.
Das war lediglieh eine Frage der überlegenden Funktion, eine Frage der Institution. Der Wille ist schnell gebrochen, denn die Angst vor der Angst macht panisch. Irgendwann letztlich gibt auch der rebellierende Körper nach. Wir verstanden es schließlich sogar, unsere Depressionen und Störungen systematisch zu erzeugen. Die Krankheit besorgte das Selbst und entsorgte es schließlich. Der daraus entstehende Bedarf und die Nachfrage belebten nachhaltig den Markt. Im individuellen Unwohlsein begründete sich außerdem ein zwingendes System der Gesellschaft. Unsere Minderwertigkeiten stabilisierten Eliten, der Sozialneid manifestierte Positionen. Jeder hatte seinen festen Platz. Es war wesentlich leichter, das zu erhalten, woran wir uns gewöhnt hatten, und sich vorzumachen, man gehöre nicht dazu.
Die vernichtende Fiktion hatte wieder Hochkonjunktur.

Fiktionen einer rettenden Ordnung versprachen uns seit jeher Gewissheit, auch wenn der totale Krieg sie anfangs scheitern ließ. Damals hatte unsere Unvollkommenheit uns sehr uneffektiv gemacht.
Wir spielten riskante Spiele, gelockt durch die Aussicht auf hohe Gewinne. Das band die Massen.
Nur wenige hielten sich aus und suchten nach selbstbestimmter Handhabung. Ihre Reflektionen wirkten störend auf uns alle. Sie schienen den Zweifel leben zu können. Sie nutzten ihn, indem sie von sich sprachen, ohne zu behaupten. Sie erfanden sich Tag für Tag neu, ohne dabei erloren zu gehen. Sie waren überzeugt von dem, was sie dachten, und gleichzeitig in der Lage, alles zu verändern, ohne ihr Gesicht zu verlieren.
Gefährliche Freiheiten drohten sich zu entfalten. Die Autarkie und Anarchie ihres Treibens schienen unsere dirigierenden Hegemonien empfindlich zu verletzen. Die drohende Vielfalt verunsicherte tief. Sie bedeuteten Angriff auf die sorgfältig gepfelgten Konventionen des Alltagslebens.
Eigenwillige Ästhetiken stellen die Syntax der Macht in Frage.
Doch das dauerte nicht an. Es bedurfte nur einer fatalen Krise, die wachsende Komplexität zu bannen. Unser infantiler Größenwahn produzierte die Wendung von selbst. Materielle Schieflagen bieten stets den passenden Anlass, denn die Angst vor dem Verlust weckt das Bedürfnis nach extremen Eingriffen.
Die Angst der  einen beeindruckt immer das Dasein der anderen. Sie merzt zügig alles Irritierende aus, erträgt man sie nicht in sich. So entfernten wir kompliziert Gewachsenes in uns, um Übersichtlichkeit zu schaffen, die vielen dienlich war. Wir ignorierten schlicht den individuellen Zusammenhang. Ich war nichts. Du war Schuld. Er wurde es. Zerrissenheit fand schließlich ihre Lösung im greifbaren Entwurf des allgemeinen Feindes. Zur besseren Erkennbarkeit ließen wir Kostüme fertigen, erschufen den perfekten Raum für den perfekten Menschen. Die Sehnsucht danach, das Gute in sich attestiert zu wissen, wurde erfüllt. Wer folgte, wurde selbstverständlich makellos. Die menschlichen Marionetten marschierten dankbar, überzeugt von ihrer inneren und äußeren Größe. Wir hielten uns gegenseitig. Eine perfekte Inszenierung. Dünn waren die Fäden, sodass wir sie kaum noch wahrnehmen mussten. Die Sehnsucht nach einer vollkommenen Wahrheit minimierte das Risiko der eigenen Existenz. Das Auslöschen jeglicher Gewissenhaftigkeit machte der Erhabenheit Platz. Er wurde es und sein Erleben ersetzte unsere Anwesenheit. Die gekonnte Selbstverleugnung befriedigte unser süchtiges Sehnen nach alleiniger Bedeutsamkeit. Der überdimensionale Wahn allerdings konnte durch Sorgfalt nicht kompensiert werden.

Die Inszenierung eskalierte. (...)

Der vollständige Text erschien 2007 im Sammelband utopia 07 beim Primero Verlag München. Ich habe ihn damals als Versuch verstanden meine Wahrnehmungen zur kollektiven Psyche, Faschismus und strukturellen Gewalt in der unserer Gesellschaft zu verarbeiten. In der Gegenwart sind diese Affirmationen zu gefährlichen Realitäten geworden, denen ich in meiner Arbeit zu begegnen suche.

15. Januar 2016

Kleine Ethik des Schaffens

Ich liebe bewegte Bilder und die Arbeit als Autorin und Regisseurin. Trotzdem habe ich mich entschieden, sie nicht um jeden Preis zu tun. Für mich gibt es eine Ethik des Schaffens. Diese betrifft finanzielle und formelle Bedingungen der Produktion, meine Haltung und Arbeitsweise in Bezug auf alle beteiligten Personen, aber auch Inhalte und Form des Werkes.
Ziel meiner Arbeit war und ist es, eine mutige, kooperative und kritsche Film- und Medienproduktion zu stärken, angstfreie Produktions- und Arbeitsumfelder zu schaffen, in denen kollaborative Medien- und Wissensproduktion möglich und eine visionäre Ästhetik Resultat einer partizipativen Auseinandersetzung ist. Denn so stelle ich mir die Medienproduktion einer demokratischen Gesellschaft vor, in der ich leben möchte.
© Frau tanzt. Cut out und Bleistift auf Papier. von Tanja Vietzke 2014
Natürlich ist es einfach, das eigene Vorhaben zu formulieren. Die echte Herausforderung liegt in der konkreten Umsetzung.
Filmförderung, Produktions- und Verwertungsstrukturen funktionieren nach etablierten und fragwürdigen Routinen gesellschaftlicher Eliten. Diese begünstigen
Rollenzuschreibungen in den Rundfunksystemen, welche die Unterrepräsentation von großen gesellschaftlichen Gruppen vor und hinter der Kamera zur Folge haben, fragwürdige Kategorien und Bewertungskriterien in der wirtschaftlichen und kulturellen Filmproduktion, die Abhängigkeit der Filmförderung von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und diskussionswürdige Verfahren der Regulierung.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin ein Fernsehkind und durch das Fernsehen sozialisiert worden. Ich bin für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und finde Filmförderung sinnvoll. Allerdings ist die Art und Weise kontinuierlich zu überdenken.
 

Ich lebe in dieser Realität, also reproduziere ich sie auch.

Der Bundestag,
Pro Quote Film, fairTV oder Theaterjobs, Haben und Brauchen oder die Koalition der Freien Szene in Berlin versuchen sich den Defiziten, Krisen und ihren Ausprägungen in unserer gegenwärtigen Kunst- und Kulturpraxis in verschiedenen Aspekten zu nähern und Lösungen zu finden. Dabei geht es um die Bedingungen fairer Beschäftigung, die Verteilung von Ressourcen auch unter den Gesichtspunkten der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Kunst- und Kulturproduktion.
Ein Workshop der alpha nova & galerie futura in Kooperation mit gNg versuchte zu ergründen, inwiefern (queer) feministische Kunst- und Kulturräume und Strukturen Aspekte aktueller Krisen aufweisen, reproduzieren und welche Möglichkeit sie bieten, emanzipatorische und diskriminierungsfreie Strategien und Handlungsmöglichkeiten künstlerischen und kulturellen Schaffens zu entwickeln. Die Rosa Luxemburg Stiftung und Dare the impossible stellten die Frage, wie sich Zukunft besser gestalten lasse.

Für mich ist die Wahrheit sehr schlicht.
Ich lebe in einer Gesellschaft, in der sich das Prinzip der Gewinnorientierung, des Wettbewerbs und der (selbstab)wertenden Arbeitsteilung tief in uns eingeschrieben hat. Obwohl wir wissen, dass in dieser Ökonomie der Erfolg bestimmter immer auch das Scheitern anderer Gruppen – Menschen, Generationen, Kulturen, Geschlechter – einschließt, bleibt es hart dieser Wahrheit ins Auge zu sehen und die eigene Rolle in dieser Praxis der strukturellen Krise anzuerkennen. Gegenwärtige Gleichstellungspolitik wird der Intersektion von Diskriminierung noch nicht gerecht.

Lebe ich als Kulturschaffende in dieser Gesellschaft, so reproduziere ich auch die ihr immanenten Formen der Zugehörigkeit und des Ausschlusses. Ich lebe in dieser Realität, also reproduziere ich sie auch.
Als Künstler*in dieser Zeit bin ich oft dazu gezwungen, der kreative und unternehmerische Prototyp der erfolgreichen oder gescheiterten totalen oder teilweisen (Selbst)Vermarktung und (Selbst)Ausbeutung zu sein. Ich kann mich aber auch als Akteur*in einer alternativen Selbst- und Gesellschaftspraxis auf den Weg machen und fragwürdige Machtsstrukturen, Rollen und Wahrheitsbegriffe zu erkennen, dekonstrukieren und umgestalten versuchen.

Im Präkariat der Selbstverwirklichung gehören wir alle heute noch zu den Gewinner*innen und morgen schon zu den Verlierer*innen. Oft werden in diesem Wettbewerb selbst die strukturell am meisten benachteiligten Personen noch zu Konkurrent*innen gemacht. Doch wie kann ich diesen Strukturen begegenen? Wie konstruktiv in ihnen agieren? Wie Mensch sein? 

Wir kreiren auf dem selben Niveau, auf dem wir zerstören.

Meine filmische Praxis versucht sich mit den geltenden Begriffen der Wahrheit in Kunst und Alltag auseinanderzusetzen. Ich möchte überholte Kommandostrukturen und diskriminierende Rollenschemata aufdecken und Alternativen entwickeln. Deshalb ist es mir wichtig Perspektiven zu wechseln, Rollen zu tauschen, empfindlich zu bleiben – und dazu auch offen zu stehen. Ich möchte genau zuhören. Ich versuche hinzusehen. In Momenten der Ungeduld und Konfrontation bleibe ich und frage mich, was mein Gegenüber mir sagen möchte und warum ich ungeduldig bin. Ich frage nach und überlege, was genau ich erkennen kann, was nicht und woran das liegen könnte.

Ich reflektiere den Markt und mein eigenes Wirken in diesem Kontext. Ich mache mir meine finanzielle, persönliche und ideelle Verfassung bewusst und anderen in der Zusammenarbeit transparent. Ich mache mir klar, was Geld und Erfolg für mich bedeuten und konfrontiere mich mit den eigenen materiellen Ansichten und Bedürfnissen. In Gruppenprozessen ist das konkrete und ehrliche Sprechen über Geld und Erfolg und die daraus erwachsenen Selbststrategien unerlässlich. 

In meiner eigenen Praxis suche ich nach Formen für Einkommensgemeinschaften und Umverteilung. Ich erkenne unsichtbare Arbeit und Sorgearbeit an, leiste sie selbst, bewusst und spreche Anerkennung und Respekt offen aus. Ich fordere nichts von anderen Menschen ein, wenn ich sie für diese Arbeit nicht auch (finanziell) anerkennen oder durch entsprechendes Handeln wertschätzen kann/möchte.

Die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, die mangelnde Konfrontation mit der eigenen Erfolgssehnsucht oder ein anmaßender Deutungsanspruch festigen nicht selten ein System der Krise und die Ausbeutung von Differenz, Identität und Arbeitskraft gerade auch in der Kunst- und Kulturproduktion.
Ich möchte auf strukturelle Gewalt, Sexismus, Rassismus und Repression im Kulturbetrieb durch dominierendes oder diskriminierendes Verhalten über Ausdruck/Sprache, Gesten, Handeln und Prozesse aufmerksam machen und es vermeiden. Wenn mir dieses Verhalten auffällt, spreche ich es an, schildere meine Wahrnehmung und bitte andere Beteiligte mir ihre Wahrnehmung mitzuteilen. Ich halte andere Positionen aus, positioniere mich aber bewusst und klar dazu. 


Ich hinterfrage Hegemonien der Macht und des Marktes genauso, wie meine individuellen Hoheitsansprüche. 

Ich bin achtsam, verantwortlich und nicht wichtiger als andere Menschen. Ich schätze den kleinsten Versuch und die kleinste Geste von mir und anderen, respektvolle, inklusive und faire Arbeitsformen des Künstlerischen zu entwickeln. Das heißt auch, ich beute mich und andere nicht selbstvergessen aus, weil ich mir wünsche beachtet, entdeckt und geschätzt zu werden. Ich hinterfrage Hegemonien der Macht und des Marktes genauso wie meine individuellen Hoheitsansprüche. Räume, die selbstbestimmtes Schaffen ohne Angst vor gemeinschaftlichem Denken und partizipativem Handeln ermöglichen wollen, erforsche, schütze und unterstütze ich.

Kulturpraxis und gesellschaftliche Verantwortung sind für mich auch deshalb nicht zu trennen, weil künstlerisches Schaffen starke Fiktionen und Mythen um die Besonderheit der eigenen Rolle in der Gesellschaft produziert, welche – bleiben sie unreflektiert, das Prinzip der Überlegenheit, Abhängigkeit und Präkarisierung verklären und  stabilisieren.
Künstlerische Praxis bedeutet für mich die kontinuierliche Aufdeckung struktureller, offener oder sublimer Formen der Dominanz und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sozialer Herkunft und Status, Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung und Identität und das Entwickeln von Bewusstsein und Gegenentwürfen in Beziehungen, Arbeit und Alltag. Der Schlüssel dazu liegt in der bewussten, sorgfältigen und kontinuierlichen Betrachtung meiner eigenen Prägungen, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster und ihrer Veränderung in der Interaktion mit anderen. 
 
Woher ich komme.
Mein Leben ist von Menschen geprägt worden, die Faschismus, Krieg und Gewalt nicht oder nur zufällig oder schwer versehrt überlebt haben und hart um ihre Existenz, ein gutes Leben und respektvolles Miteinander kämpfen mussten.
Meine Arbeit befasst sich mit sozialen und ökonomischen Architekturen in Gesellschaft und Familie. Sie umfasst die Gestaltung von Strukturen und Prozessen, auf der Suche nach den Möglichkeiten für ein würdevolles Leben im Spannungsfeld von Ethik, Ästhetik und Ökonomie.

1. Dezember 2015

Lass es uns doch probieren, es kann funktionieren oder Die Topografie der Zwischenräume

"Die Kunst der Künstlerinnen ist die Kunst der Krise" – Rosa Flusser.

Sie sind vom schüchternen Hänfling zur Kapitänin der Nationalmannschaft geworden.
Warum wollen sie es nicht mehr sein?
(rf) Ich würde sagen, dass sich da genaues Hinsehen lohnt. Sagen wir so: Am Anfang war ich tatsächlich skeptisch.
Mein rechtes Bein war normal und gesund. Doch ich wollte es weghaben. Denn wer Teilzeit arbeitet, kommt für kritische Praxis und visionäres Denken oft nicht mehr in Frage.
Ich habe es ja selbst jahrelang durchgezogen.

© intersubjektiven 2015

Sagen wir so;
die blöden Sprüche haben mich nie getroffen.
Aber das Gelände der gleichberechtigten künstlerischen Praxis ist in den Krater einer kategorischen Baustelle gerutscht. Mein roter Bagger holt das Papier aus dem Erdreich. Erster Schritt: Die geborgenen Materialien einfrieren.


Wer hat ihre Tochter eigentlich tagsüber betreut?
(rf) Ich habe um jedes freie Wochenende gekämpft. Um mal auf die ungleiche Bezahlung einzugehen.
Sagen wir so: Ein Star wollte ich nie werden.
Mutter zweier Kinder, Ehefrau – und auch die Männer. Ich kann noch so viel machen: Wahlfreiheit, erfolgreich sein, Selbstausbeutung, selbst bestimmen, Häme und Arroganz, Exklusivität ...


Ob ich mit der Unterstellung leben kann?
(rf) Ich habe eine Reissorte entwickelt, die den Kapitalismus abschaffen kann. Doch die Autokratinnen protestieren noch gegen den Anbau. Der Reis ist emanzipatorisch verändert und damit in vielen Augen eine Gefahr.
Augen, Hände, Leidenschaft. Alles eine Frage der Prinzipien. Man kennt das ja aus der Lebensmittelindustrie, zum Beispiel bei der Herstellung von Tütensuppen: Etwas Gefrorenes soll Trocknen, aber es soll dabei keine Nässe entstehen.
Das gemeinsame Wir macht immer noch mehr Angst als die massenhafte Vereinzelung. Meine Repression gehört mir. 
Wo ist die Kohle? Wo bleibt die Flut?
Die Frage ist doch, ob ich als Mensch dauerhaft so leben will. In Vielfalt bewusst sein und achtsam vertrauen – das wäre schön.

Die alpha nova & galerie futura lud in Zusammenarbeit mit gNg 20 Frauen zu einem Workshop ein, der den Fokus auf das prekäre Arbeitsumfeld für Berliner freie Künstlerinnen brachte. Wir legten den Schwerpunkt auf die produktiven und kreativen Potentiale. Dies ist eine von verschiedenen Text-Bild-Collagen, die in diesem Rahmen entstand.

1. Oktober 2015

Jede Zeit steht im Zeichen der Wahrheitssuche

„Jede Zeit steht im Zeichen der Wahrheitssuche.
Und wie schrecklich diese Wahrheit auch sein mag, sie kann durchaus zur Gesundung der Nation beitragen.“ – Andrej Tarkowski

(oder ihrer Abschaffung/ Anm. d. R.)
 
© "Jede Zeit steht im Zeichen der Wahrheitssuche" Tanja Vietzke 2014





Gesellschaftliche Krisen forcieren die Entwicklung herausragender Filmwerke, eigenwilliger kurzer und langer filmischer Formen als Dokumente ihrer Zeit.
Arbeiten des italienischen Neorealismus, der französischen Nouvelle Vague, des Neuen Argentinischen Kinos aber auch der Neue Deutsche Film? zeugen davon. Sie stellen Begriffe der Macht und Wahrheit genauso wie etablierte Formen der Repräsentation von Wirklichkeit in Politik, Wirtschaft oder Medien in Frage. Ins Auge fällt dabei die Suche nach radikalen Methoden zur Beschreibung der eigenen Realität mit Mitteln, die vehement die Grenzen zwischen Realität und Fiktion hinterfragen, verschieben oder einfach ignorieren. 

Gerade in der Reibung mit den Spielarten des fiktiven und non-fiktionalen Films manifestiert sich für mich die urmenschliche Motivation, sich im Hier und Jetzt zu verankern. Gerade in Zeiten des Umbruchs, der Krise und Transformation ist diese Verankerung ein Weg des Überlebens, aber auch eine Form aus bloßen Möglichkeiten konkrete Wirklichkeiten entstehen zu lassen. Das filmische Werk besitzt dann enormes performatives Potential, wenn es ihm gelingt, sich in die Sprache der subjektiven und objektiven Dinge einzumischen. Es hat die Kraft Menschen und Kontexte derart in Beziehung zu setzen, dass konstruktive Erfahrung und Veränderung begleitet, multipliziert oder sogar möglich gemacht wird und das am besten allein durch den schöpferischen Akt selbst.

Welchen Ansprüchen muss filmisches Schaffen gerecht werden?

Die Effekte gegenwärtiger medialer, ökonomischer und soziokultureller Umbrüche stellen Filmschaffende außerhalb der großen Verwertungsindustrien in Deutschland und der ganzen Welt vor immense Herausforderungen.
Digitale Räume und ihre interaktiven, demokratischen Potentiale haben seit den 90ern hierarchische und hermetische Formen der Medienproduktion und ihre linearen Narrative auf die Probe gestellt. Diese Entwicklungen haben einen Kampf um Einflussnahme und Gestaltungsmöglichkeiten ausgelöst. Dazu bedeuten die gegenwärtige Wirtschaftskrise und zunehmende Prekarisierung einen tiefen Einschnitt in soziale und ökonomische Zusammenhänge. Die Krise manifestiert sich auch in der Kollision unterschiedlicher medialer und medienpolitischer (Re)-Präsentationssysteme, stellt Institutionen und Verfahren gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion endgültig in Frage.

Die daraus resultierenden Entwicklungen sind spannend und verunsichernd zugleich. Wir haben „mehr als nur puren Nachholbedarf in der Entwicklung unserer Medienstruktur und moderner Programme“, merkt Martin Hagemann, Produzent und Vorstandsmitglied der AG DOK, pragmatisch an. In Deutschland zum Beispiel beschränken überholte Kategorien des Filmischen, die exklusiven und überregulierten Verfahren der Film- und Fernseharbeit, unzulängliche Film- und Medienförderung und veraltete Verwertungsmodelle noch immer audiovisionäres, in die Zukunft gewandtes Schaffen. Produzenten, Politik und Verwertungsbetriebe nehmen ihr vielschichtiges, schöpferisches Publikum hierzulande noch immer viel zu wenig wahr und ernst.

Wie sehen die Filme der Zukunft aus und was erzählen sie?


Gleichzeitig entwickeln sich parallele Realitäten der Filmarbeit und ernstzunehmende Gegenöffentlichkeiten. Das Experiment mit Erzählformen, Plattformen und Produktionsweisen, die Diskussion um andere Verwertungskonzepte für neue Öffentlichkeiten im digitalen Raum aber auch im Kunstfeld ist produktiver denn je. Oft jedoch verlieren sich die guten Ansätze der gekonnten Selbstermächtigung im Gerangel der staatlichen Institutionen, Medienkonzerne und privatwirtschaftlichen Akteure um Einflussnahme, Gewinne und Besitzansprüche. Es gelingt nur schleppend, die sich entwickelnden parallelen Realitäten in gemeinsamen Begriffen und Narrativen zu erfassen.

Die bisherige Auseinandersetzung um die Hoheit über Kategorien und Erzählweisen, Produktionsformen, Finanzierungsquellen und Präsentationsplattformen lässt wenig Raum dafür, fähige und audiovisionäre Ansätze relevanten filmischen Schaffens in Web, Kunst, Kino und für ein Fernsehen 2.0 unvoreingenommen zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, folgende Fragen zu beantworten:
 

Welche visionären filmischen Spielarten lassen sich in unserer Medienlandschaft und ihrem internationalen Kontext identifizieren? Welche herausragenden ästhetischen Verfahren und Produktionsweisen lassen sich beschreiben? Welche zukunftsfähigen Produktionsansätze und Verwertungsmodelle entstehen, und wie können sie weiterentwickelt werden? Welchen veränderten Ansprüchen müssen filmische Formate gerecht werden? 

Einen Teil dieser praktischen Forschung wird im Kontext der SEELAND Medienkooperative realisiert werden. Hier soll langfristig eine interaktive Plattform entstehen, die visionäres, relevantes filmaesthetisches Wissen vernetzt, vermittelt, zugänglich und fortschreibbar macht. Fokus meiner Arbeit hier liegt auf gegenwärtigen Tendenzen eines performativen filmischen Schaffens, das sich für eine mutige, faire und inklusive Medienproduktion engagiert.

24. August 2015

Menschen für Menschen auf der Flucht vor Krieg und Not

Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen, das heißt das, womit man sich nicht versöhnen kann [...] woran man auch nicht schweigend vorübergehen darf.“, Hannah Arendt

Die Fassaden sind längst gefallen. Die Systeme ächzen. Ignorant lebt, wer die Situation der vor Not und Krieg flüchtenden Menschen nicht in einen weltgesellschaftlichen Kontext bringen möchte. Verfolgt man die Geschichten der Geflüchteten nicht nur in den Mainstream-Medien, sondern direkt über The VOICE Refugee Forum Germany, dem Refugee Radio Network, bei lunapark21 oder achtet auf den Hintergrund wird klar wie direkt unsere Existenzen miteinander verbunden sind.
Der interventionistische Audioguide der Gruppe Kolonialismus im Kasten? thematisiert unsere eigene, selbst in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, marginalisierte Geschichte kolonialer Gewalt und wirtschaftlicher Interessen. Diese nämlich prägt unsere Welt und die Ursachen von Flucht und Migration bis heute.
Grund dafür ist eine Gesellschaftspraxis, die Krieg und Destabilisierung als Teil der "Demokratisierung" und "Befreiung" normalisiert und als Instrument der Einfluss- und Marktsicherung nutzt. Der Mediendienst Integration hat umfassende Informationen zu den aktuellen Fluchtursachen zusammengestellt. Auch ProAsyl macht auf den Kontext aufmerksam und entkräftet Vorurteile gegen Menschen auf der Flucht vor Not und Krieg.

© THE FORMOSA EXPERIMENT: ein Film von Verena Kyselka, 2014 >> Filmausschnitt anschauen
Regierungen, Behörden und Verwaltungen agieren langsam und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen nach intransparenten Kriterien. 
Die Zustände am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Berlin) haben die humanitäre Katastrophe mindestens den Helfer*innen bewusst gemacht. Die Kampagne "Die Toten kommen", realisiert durch das Zentrum für politische Schönheit in Kooperation mit der Öffentlichkeit, hat die unzähligen im Mittelmeer ertrunkenen Menschen erstmals in die deutschen Städte und Dörfer gebracht. Weissach, Heidenau und Freital zeigen klar, dass sich Geschichte und Versagen in Deutschland wiederholen können und es keinen Weg gibt, sich der Verantwortung zu entziehen mit den Worten: "Davon haben wir hier nichts gewusst."

Ob bei ProAsyl, Teachers on the road, Refugees Welcome oder Moabit-hilft - jeder Akt für Menschenrechte und gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind relevant. Straßengezwitscher berichtete live aus Heidenau. BuzzFeed hat sich mit den Äußerungen "besorgter Bürger*innen" in den sozialen Netzwerken befasst und diese entkräftigt. Auf betterplace.org sammeln #bloggerfuerfluechtlinge, unter berlin-hilft-lageso finden sich die Links zu verschiedenen Inititativen in den Bezirken Berlins. #NoPegida-Aktivist*innen treffen sich online und natürlich auf den Straßen. Mit ihrer Dokumentation Radikale im Tale hat das Jugendmedienprojekt Wuppertal sehr früh und direkt versucht, die Motive der Pegida-Bewegung vor Ort zu verstehen. In #Jamel bei Wismar feierten die Lohmeyers trotz des Brandanschlags auf ihr Stallgebäude das Forst Rock Festival für eine bunte Welt. Die internationalen Netzwerke antirassistischer Gruppen wie Kein Mensch ist illegal oder No Border machen sich weltweit seit Jahren für das Recht auf Migration und freie Residenz stark.

“Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Frieden und Würde. Und dieses zu realisieren, dafür sind wir alle verantwortlich." Das sind die Worte einer Person, die mein Demokratieverständnis nachhaltig geprägt hat - meine Grundschullehrerin. Dafür musste sie in keinem Schulbuch blättern. Sie sprach einfach aus Erfahrung, hatte sie doch selbst den Krieg nur zufällig überlebt und mit dem Holocaust die extremste Form des staatlich legitimierten Rassismus und der Menschenverachtung erfahren. 
Mit der Abwertung von Menschen fängt Diskriminierung und Rassismus an. Mit Propaganda, Übergriffen und Anschlägen, die Menschen und ihre Unterkünfte zum Opfer haben, wird er zum rechtsextremistischen Terror in der Tradition deutscher Faschisten.
Die Amadeu Antonio Stiftung gehört zu den wichtigen Akteur*innen, die sich ganzheitlich, intellektuell und praktisch mit diskriminierenden, rechtsextremistischen und neo-nationalsozialistischen Strukturen und Argumenten in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Neben guten kostenfreien Publikationen zum Thema unterstützt sie eine Vielzahl von Projekten und hat die "Betagruppe" gegen Nazis und Rassismus im Internet und nonazi.net initiiert. Aber auch die vielen Zeitzeug*innen-Verbände im Netz und digitale Gedenkprojekte versuchen die Erinnerung an die faschistische Vergangenheit und das rassistische Erbe unseres Staates zu thematisieren und zu diskutieren. 

Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, ob menschliches Handeln gegen die Würde und die Unversehrtheit anderer Menschen, Minderheiten, Fremder, Geflüchteter – ganz gleich ob politisch oder ökonomisch, individuell oder gesellschaftlich motiviert - begünstigt oder sanktioniert wird. Es liegt in der Verantwortung jeder und jedes Einzelnen sich für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden zu engagieren. Jedes (Nicht)Handeln ist relevant und ebenfalls politisch.

Epilog. 
Ich möchte an dieser Stelle meinen Respekt und meine Hochachtung aussprechen für all die Menschen in diesem Land, die sich offen und direkt gegen diskriminierendes, rassistisches, fremdenfeindliches und rechtsradikales Gedankengut aussprechen und ausgesprochen haben. Ganz besonders erwähnen möchte ich diejenigen, die deshalb mit Beschimpfungen, Drohungen und Übergriffen auf ihre Person, Freund*innen und Angehörige leben müssen. Ich gedenke aller Opfer rassistischer und rechtsextremistischer Gewalttaten.